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Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden

Von Martin Jäggle

Vorbemerkung: Wenn theologisch von Krieg und Frieden die Rede ist, dann werden zwei Worte bzw. Begriffe miteinander verbunden, die aus der Sicht der Theologie jedenfalls sehr verschiedene Bedeutungen haben. Friede ist – nicht nur im Christentum – eine theologische Schlüsselkategorie, ein umfassendes Hoffnungsbild („schalom“), eine Verheißung, ja ein religiöser Auftrag, sich für seine Verwirklichung einzusetzen. So verstehen sich z.B. Christentum und Islam, auch wenn beide auf eine Geschichte religiös legitimierter Kriege nicht nur zurückblicken, als Religionen des Friedens. Folglich ist ein Artikel zu „Friede“ auch in jedem theologischen Fachlexikon zu finden. Krieg hingegen kommt diese theologische Bedeutung nicht zu, sondern er ist eine Realität, die es zu domestizieren bzw. zu überwinden gilt. Die unselige religiöse Legitimierung von Kriegen war und ist stets nicht vereinbar mit der Verheißung des „schalom“.

Vom gerechten Krieg

Die Lehre vom gerechten Krieg (bellum iustum) hat das Christentum seit Konstantin von der Antike übernommen und weiterentwickelt. Allein die Vorstellung eines „gerechten Krieges“, dem oft unterschwellig eine (quasi-)religiöse Legitimierung zukommt, erscheint aber aus der Sicht des 21. Jahrhunderts nach den beiden sogenannten Weltkriegen des 20. Jahrhunderts und den gegenwärtig vorhandenen Massenvernichtungsmöglichkeiten ein Widerspruch in sich. Und doch ist diese Vorstellung immer wieder wirksam, wenn es um die Rechtfertigung des Einsatzes militärischer Mittel geht: Von Afghanistan über Irak, Kosovo bis Libyen, um nur einige der jüngeren Beispiele zu nennen. Im allgemeinen Bewusstsein dient die Lehre vom gerechten Krieg der Legitimation eines Krieges, womit Kirche und Theologie als Instanzen gesehen werden, die einem Krieg gleichsam ihren Segen geben.

Aus dem Blick geraten ist dabei, dass mit Hilfe der Lehre vom gerechten Krieg es schon in der Antike darum ging, den Krieg an Regeln zu binden, ihn gleichsam zu domestizieren und seine unmenschlichen Wirkungen zu begrenzen.

Für die Römer war es wichtig, dass der Krieg die Gunst der Götter findet. Aber letztlich hat der Ausgang des Krieges (Sieg oder Niederlage) erkennen lassen, ob der Krieg ein bellum iustum war, einer der die Gunst der Götter hatte und dessen Kriegsgrund somit gerecht oder ungerecht war.

In der Lehre vom bellum iustum wird unterschieden zwischen ius ad bellum und ius in bello, also zwischen dem Recht zum Krieg und dem Recht im Krieg.

Das Recht zum Krieg verlangt einen gerechten Grund (Notwehr), eine legitime Autorität (für Allgemeinwohl verantwortlich), eine gerechte Absicht (Wiederherstellung oder Förderung des Friedens), Krieg als ultima ratio (Ausschöpfung aller anderen Mittel) und begründete Aussicht auf Erfolg. (Anmerkung der Redaktion: Im Sinne der Gewaltfreiheit kann es keinerlei „Recht“ auf Krieg geben.)

Das Recht im Krieg fokussiert auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel und die Unterscheidung zwischen jenen, die zum Kämpfen berechtigt sind (Kombattanten) und denen, die als Nichtkämpfende (Nichtkombattanten) von den Kriegshandlungen betroffen sind.

Es ist eine Konsequenz der Lehre vom gerechten Krieg, dass es zur Etablierung eines internationalen Kriegsrechts, genauer Kriegsvölkerrechts gekommen ist, wie etwa der Haager Landkriegsordnung, der Genfer Konventionen sowie von Institutionen zur Durchsetzung dieses Rechts, insbesondere gegen Kriegsverbrecher, wobei laut UNO-Charta (Gründungsvertrag) Kriege grundsätzlich dem Völkerrecht widersprechen und geächtet sind.

Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden

Die Stationen und Chancen des geschichtlichen Lernprozesses „Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden“ hat Bernhard Sator in seinem gleichnamigen Buch beschrieben. Wie groß dieser Lernprozess in Richtung Humanität gegangen ist, zeigt sich z.B. allein daran, dass Cicero noch Strafe bzw. Rache als gerechten Kriegsgrund ansah (zur Erhaltung der „Pax Romana“), während beides heute einen Krieg nicht rechtfertigen kann.

Vom gerechten Frieden

Auch wenn säkulare Begründungen und Motivationen im gerechten Frieden und der damit verbundenen Gewaltprävention das eigentliche Ziel sehen, wird hier ein Blick nur auf religiöse Zugänge und Initiativen geworfen.

„Gerechtigkeit und Friede küssen sich.“ (Ps 85,11b) So heißt es im Bittpsalm um das verheißene Heil. Wenn nun Gerechtigkeit im „gerechten Frieden“ als eine Eigenschaft des Friedens angesehen wird, so hat dies ein biblisches Fundament, das nicht nur in diesem Psalm deutlich wird. Gerechtigkeit ist auch das zentrale Thema der „Ouvertüre“ der Bergpredigt.

Ökumenischen Versammlungen zu „Gerechtigkeit, Friede, Bewahrung der Schöpfung“ stellen seit 1990 die Gerechtigkeit dem Frieden voran. Einige Kirchen lehnten stets grundsätzlich jede Form militärischer Gewaltanwendung ab (grundsätzlicher Pazifismus). Zu Recht werden sie Friedenskirchen genannt (Quäker u.a.)

Mit dem Dokument „Gerechter Friede“ haben die deutschen Bischöfe im Jahre 2000 Abschied von der Lehre vom „Gerechten Krieg“ genommen, den Frieden zum „Ernstfall, in dem man sich bewähren muss“ (G. Heinemann) gemacht und den „Gerechten Frieden“ als sozialethische Zielperspektive normiert. >Gerechter Friede Diskussionsstand, Hrsg.: Ökumenische Centrale / Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland

In ähnlicher Weise verfährt die Evangelische Kirche Deutschlands in ihrer Friedensdenkschrift „Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ aus dem Jahre 2007. Der Ökumenische Rat der Kirchen mit Sitz in Genf rief für 2001– 2010 eine „Dekade zur Überwindung von Gewalt. Kirchen für Frieden und Versöhnung“ aus. Wir sehr hier christliche und säkulare Optionen fast zeitgleich einen Paradigmenwechsel propagieren zeigt, dass die UNO zeitgleich eine „Internationale Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für die Kinder dieser Welt 2001– 2010“ ausrief.

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