Franziskus

„Diese Wirtschaft tötet.“ – Papst Franziskus und die Wirtschaft

von Alfred Racek

Papst Franziskus ist ein Realist, der nichts beschönigt. Er sieht das herrschende Wirtschaftssystem mit seinen Auswüchsen ganz klar als eine Wirtschaft der Ungleichheit und der Ausschließung. Dazu einige Belege:

1. Wirtschaft

Schon in seinem ersten Schreiben, Evangelii Gaudium, sozusagen seiner Regierungserklärung, bezieht er in aller Deutlichkeit Stellung zum herrschenden Wirtschaftssystem mit einem Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung:

Ebenso wie das Gebot ‚Du sollst nicht töten‘ eine deutliche Grenze setzt, um den Wert des menschlichen Lebens zu sichern, müssen wir heute ein ‚Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen‘ sagen. Diese Wirtschaft tötet. … Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht. Als Folge dieser Situation sehen sich große Massen der Bevölkerung ausgeschlossen und an den Rand gedrängt: ohne Arbeit, ohne Aussichten, ohne Ausweg. … Es geht nicht mehr einfach um das Phänomen der Ausbeutung und der Unterdrückung, sondern etwas Neues: … Die Ausgeschlossenen sind nicht ‚Ausgebeutete‘, sondern Müll, ‚Abfall‘.[2] Härter kann man es nicht formulieren!

Diese Art des Tötens wird in der jüdisch-christlichen Tradition in einem bestimmten Sinn als Mord bezeichnet. Auf diesen Gedanken stoßen wir schon im alttestamentlichen Buch Jesus Sirach (34,26-27): Den Nächsten mordet, wer ihm den Unterhalt nimmt, Blut vergießt, wer dem Arbeiter den Lohn vorenthält.

Im 16. Jahrhundert bekehrte sich der Priester Bartolomé de Las Casas vom Konquistador zum Unterstützer der Indigenas in Amerika, als er diesen Text las. Er wurde so zum engagierten Gegner der imperialistischen Kolonialismus.

Ende des 16. Jahrhunderts griff Shakespeare diese Anklage auf und legte sie in seinem Drama Der Kaufmann von Venedig Shylok in den Mund, wenn er ihn sagen lässt: Ihr nehmt mein Leben, wenn ihr die Mittel nehmt, wodurch ich lebe. Marx zitierte diesen Text in seinem Kapital (MEW 23, 511)  und führte so diese Tradition fort.[3]

Vierfaches Nein:

  • Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung (53. – 54.)
  • Nein zur neuen Vergötterung des Geldes (55. – 56.)
  • Nein zu einem Geld, das regiert statt zu dienen (57. – 58.)
  • Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt (59. – 60.)

Nach der Situationsanalyse (EG 53.-54.) geht Papst Franziskus weiter zur Analyse der Gründe.

Im Zentrum steht dabei eine neue Vergötterung des Geldes (EG 55.): Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs (vgl. Ex 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel. … [Diese] geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen. … Es entsteht eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und ihre Regeln aufzwingt.

Nach Papst Franziskus nimmt die Unterwerfung des Menschen sogar religiöse Züge an, wenn im Interesse des vergötterten Marktes (EG 56.) und der sakralisierten Mechanismen des herrschenden Wirtschaftssystems (EG 54.) Korrekturen abgelehnt werden.

Wir dürfen nicht mehr auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen. … nicht mehr auf ‚Heilmittel‘ zurückgreifen, die ein neues Gift sind. (EG 204)

Die Rettung der Banken um jeden Preis, indem man die Kosten dafür der Bevölkerung aufbürdet, ohne den festen Entschluss, das gesamte System zu überprüfen und zu reformieren, unterstützt eine absolute Herrschaft der Finanzen, die keine Zukunft besitzt und nach einer langwierigen, kostspieligen und scheinbaren Heilung nur neue Krisen hervorrufen kann. (LS 189)

Wirtschaft und die Verteilung der Einkünfte (EG 202. – 208.)

Die Probleme der Armen … [können aber nur] von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt … Die Ungleichverteilung der Einkünfte ist die Wurzel der sozialen Übel. (EG 202.) Der Papst nennt es an anderer Stelle eine perverse Ungleichheit.

Franziskus zitiert den Kirchenvater Johannes Chrysostomus: Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen. (EG 57.) Privateigentum ist kein absolutes Recht, sondern hingeordnet auf die universale Bestimmung der Güter für alle. (EG 189.)Das Gemeinwohl hat Vorrang vor dem Privateigentum. Eigentum verpflichtet, es ist sozialpflichtig.

Papst Franziskus spricht aber nicht nur negativ, sondern auch positiv über die Marktwirtschaft:Es geht nicht darum, den Markt als Organisationsform des Warentauschs und ökonomisches Konzept per se zu verteufeln. Allerdings ist der Begriff ‚Markt‘ insofern problematisch, als er beinahe von Anfang an nichts anderes bezeichnet hat als eine große Menge von Menschen, die kaufen und verkaufen. Was nicht gekauft und verkauft werden kann, gehört nicht dazu. Doch es ist nun einmal – und genau darin liegt die Wurzel des Problems – nicht alles käuflich und verkäuflich.[4]

 Ja zu einer tatsächlich sozialen Marktwirtschaft … Es ist nötig, von einer Wirtschaft, die auf Verdienst und den Profit auf der Basis von Spekulation und Darlehen auf Zinsen zielt, zu einer sozialen Wirtschaft überzugehen, die in die Menschen investiert, indem sie Arbeitsplätze und Qualifikationen schafft.[5] Diese Wirtschaft hat das Leben aller zu fördern, ein gutes Leben für alle. [Siehe Attac] Es geht um eine alternative Wirtschaft, die leben lässt und nicht tötet, die einschließt und nicht ausschließt, die menschlich macht und nicht entmenschlicht, die sich um die Schöpfung sorgt und sie nicht ausbeutet.[6]

Als Erfolgsbeispiele nennt Franziskus

Genossenschaften und Kooperativen.[7]

Die Wirtschaft müsste, wie das griechische Wort oikonomía – Ökonomie – sagt, die Kunst sein, eine angemessene Verwaltung des gemeinsamen Hauses zu erreichen, und dieses Haus ist die ganze Welt. (EG 206.)

Persönliche Erfahrungen:

Verzichtete als Erzbischof von Buenos Aires auf seinen Bischofspalast und den Dienstwagen. Wohnte dort, wo die Blechbaracken an die Wolkenkratzer stoßen, und benutzte schlicht öffentliche Verkehrsmittel. Oft ist er zu den Cartoneros gegangen, den Müllsuchern, die Metall, Papier und Kartons einsammeln, um sie zu verkaufen.

Statt in den päpstlichen Gemächern wohnt Franziskus im Gästehaus des Vatikan. Sein Dienstwagen ist ein kleiner Fiat

Franziskus bleibt als Papst seiner Linie treu: Entlang der Via della Conciliazione schlagen nachts viele Obdachlose ihr Lager auf. Oft schickt Franziskus den zuständigen Kardinal Krajewski zu ihnen, damit er ihnen Hilfe bringt: Geld, Schlafsäcke, Telefonkarten. An der vatikanischen Mauer gleich neben dem Petersdom hat er Toiletten, Duschen und einen Friseursalon für sie einrichten lassen. Jüngst hat in der Nähe auch ein Schlafsaal seine Türen geöffnet. Bis jetzt haben die vatikanischen Sicherheitskräfte Franziskus abgehalten, selbst zu den Clochards zu gehen.

2001 durchlitt Argentinien eine verheerende Schuldenkrise in Argentinien, die im Staatsbankrott endete und breite Schichten ins Elend stürzte. Bergoglio sprach von der Tyrannei des Marktes und einem wirtschaftlichen und finanziellen Terrorismus.

Ist der Papst ein Revolutionär?

Wir wollen eine Veränderung, eine wirkliche Veränderung, eine Veränderung der Strukturen. Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen.[8]

Wenn ein Christ in dieser Zeit nicht revolutionär ist, dann ist er kein Christ. (Interview 2013)

Das Kommunistische Manifest schließt mit den Worten: Die Kommunisten … erklären es offen, dass ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern.

Man kann das Lied der Freiheit jedoch nicht mit dem Instrument der Gewalt spielen.

Franziskus kommt ganz ohne den Kampfbegriff „Kapitalismus“ aus, dieses Wort fällt nirgendwo.

Aufschlussreich ist das Profil seiner Gegner, allen voran der US-Kardinal Burke und Steve Bannon, der Exwahlkampfleiter von Trump. Beide wollten in Süditalien in einem aufgelassenen Kloster eine  Kaderschmiede zu dem Zweck errichten, alle grundsätzlichen Äußerungen des Papstes zu konterkarieren. Wegen Unregelmäßigkeiten kam es übrigens (noch) nicht zur Gründung. Am meisten widerstrebt ihnen die eindeutige sozialethische Position von Franziskus. Da sie diese aber nicht direkt angreifen können, – seit 1891 gibt es ja die päpstliche Kapitalismuskritik – weichen sie auf andere Themen aus bzw. schieben diese vor. So sind sie im Widerspruch zum Papst gegen seine gänzliche Verurteilung der Todesstrafe, gegen die Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene usw.

2. Umwelt

Das Wirtschaftssystem, das sich um den Götzen Geld dreht, muss auch die Natur plündern, ausplündern, um die Hektik des Konsums aufrecht erhalten zu können, von dem es lebt.[9]

Man wird an die Weisheit der Cree-Indianer erinnert: Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann. Damit das nicht eintritt, Besinnung, Systemänderung in den Köpfen und durch Taten.

Wir sind als Menschen nicht bloß Nutznießer, sondern Hüter der anderen Geschöpfe. (EG 215.) Biblisches Herrschen über die Natur (Gen 1,28) hat den Sinn von bebauen und hüten (Gen 2,15). Die rechte Weise, das Konzept des Menschen als ‚Herr‘ des Universums zu deuten, besteht … darin, ihn als verantwortlichen Verwalter zu verstehen, so steht es in der Umweltenzyklika Laudato Si‘. Über die Sorge für das gemeinsame Haus (LS).

Es gilt, aus der Spirale der Selbstzerstörung herauszukommen, in der wir untergehen. (LS 163.)

3. Gesellschaft

Klar und deutlich wie kein anderer ist Papst FRANZISKUS. Hören wir ihn: In der Tat erleben wir gerade einen ’stückweisen‘ Weltkrieg[10]   Es herrscht ein Dritter Weltkrieg, den die Menschheit gegen sich führt … Wir stecken mitten in einem dritten Weltkrieg, allerdings in einem Krieg in Raten[11]. Dieser wird in Etappen, abschnittsweise oder punktuell geführt, gespeist von der Grausamkeit derer, die in der Anonymität ihrer sozioökonomischen Entscheidungen eine unsichtbare Tyrannei ausüben etwa durch Freihandelsabkommen und Sparzwänge[12].

Es gibt Wirtschaftssysteme, die, um überleben zu können, Krieg führen müssen. Also produzieren und verkaufen sie Waffen. So werden die Bilanzen jener Wirtschaftssysteme saniert, die den Menschen zu Füßen des Götzen Geld opfern.[13] Aber weil man keinen Dritten Weltkrieg führen kann, führt man eben regionale Kriege. … dadurch wird offenbar die Bilanz der Götzendienst-Wirtschaft saniert, so sanieren sich die wichtigsten Wirtschaftsblöcke der Welt, die dem Götzen Geld den Menschen als ein Opfer vor die Füße legen …[14]

Diese hintergründige wirtschaftliche Tyrannei führe auch zu einem wirtschaftlichen Grundterrorismus. Aus diesem entstehen im Gefolge auch andere Arten des Terrorismus!

Woher und warum all diese Scheußlichkeiten? Dieses Wirtschaftssystem ist an der Wurzel ungerecht.[15] Dieses System ist nicht mehr hinzunehmen[16]

Das derzeitige Flüchtlingsphänomen in Europa ist Papst Franziskus zufolge die Spitze eines Eisbergs … Wir sehen diese Flüchtlinge, diese armen Menschen, die vor dem Krieg, vor dem Hunger flüchten. Aber an der Wurzel gibt es eine Ursache: ein böses, ungerechtes sozio-ökonomisches System. Denn es rückt den Gott Geld, das Idol der Stunde, ins Zentrum.[17]

Völkerwanderung der Verzweifelten

Heute wird von vielen Seiten eine größere Sicherheit gefordert. Doch solange die Ausschließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein … [Es] neigt das Böse, dem man einwilligt, das heißt die Ungerechtigkeit, dazu, ihre schädigende Kraft auszudehnen und im Stillen die Grundlagen jedes politischen und sozialen Systems aus den Angeln zu heben, so gefestigt es auch erscheinen mag. (EG 59.)

Wegwerfkultur: Kinder werden verworfen, weil man keine Nahrungsmittel hat, bzw. sie vor der Geburt tötet. Wegwerf-Kinder. Die älteren Menschen werden verworfen, weil sie nichts mehr nütze sind, weil sie nicht produzieren. … Und weil man in der jetzigen Krise ein gewisses Gleichgewicht herstellen will, erleben wir einen dritten schmerzlichen Verwerfungsprozess. Das Verwerfen der Jugendlichen. Millionen junger Menschen … werden aus der Arbeitswelt herausgeworfen, sind arbeitslos.

4. Veränderung

Der Konsumismus führt zu einer Globalisierung der Gleichgültigkeit  (EG 54.). Dieser ist Ausdruck einer imperialen Lebensweise, wie Ulrich Brand sie nennt. Ihr steht ein kritischer Konsument entgegen, der nur kauft

  1. was er braucht … Bedarf
  2. was ihm nützt und gut tut … Sinn
  3. was ohne Ausbeutung hergestellt wird … Solidarität
  4. was die Natur nicht schädigt … Nachhaltigkeit
  5. dessen Transport jeweils kürzer ist … Ortsnähe

Den Konsumismus durchbrechen umschließt sowohl die Mitarbeit, um die strukturellen Ursachen der Armut zu beheben und die ganzheitliche Entwicklung der Armen zu fördern, als auch die einfachsten und täglichen Gesten der Solidarität angesichts des ganz konkreten Elends, dem wir begegnen. (EG 188.)

Die Überzeugung von Papst Franziskus ist: Glaube ist nie bequem, nie individualistisch. Er geht immer mit dem Wunsch einher, die Welt zu verändern.

Änderung der Gesinnung und der Zustände

Die Unmittelbarkeit von Angesicht zu Angesicht kann uns allerdings den Blick auf Wesentliches verstellen. Bergoglio meinte damit eine Hintergrundsolidarität. Diese muss auf umsichtige Weise den Zusammenhang zwischen offenkundig schmerzlichen und ungerechten Situationen und den Diskursen und Praktiken herausarbeiten, welche diese hervorbringen oder reproduzieren. [18] Genau das tut Attac.

Und dann gilt: In der Nacht der Konflikte könne jeder Einzelne ein Kerze sein und daran erinnern, dass das Licht die Schatten besiege. Wenn sich dann mehrere Menschen vereinigen, beginne eine Revolution. Es geht um eine Änderung der Gesinnung UND der Zustände.

5. Option für die Armen – Befreiungstheologie

Menschenwürde – das ist die Würde jedes Menschen – und Gemeinwohl müssen die gesamte Wirtschaftspolitik strukturieren. Konkret (EG 203.): Es verwandelt sich das Prinzip des Gemeinwohls als logische und unvermeidliche Konsequenz unmittelbar … in eine Option für die Armen.[19]

Der Frühling der Kirche, der mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) begann, fand in Lateinamerika folgende Situation vor: eine große Ungleichheit zwischen Reichen und Armen, globaler Kapitalismus auf der einen Seite und die Rechtfertigung von Gewalt, um soziale Veränderungen herbeizuführen, auf der anderen.

Versetzen wir uns in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. Politisch war die Zeit in Lateinamerika durch starke politische Umwälzungen geprägt. In vielen Ländern kam es zu Militärputschen und Militärregimen, so 1964 in Brasilien. Ab Mitte der 60er Jahre entstanden in vielen Ländern Lateinamerikas christlich geprägte Basisbewegungen, die von Anfang an sozial engagiert waren und sich im Gegensatz zur herrschenden Oberschicht definierten. Bereits 1964 standen sie im Verdacht der Verbreitung des Kommunismus und wurden daher in der Zeit der Militärdiktatur verfolgt.

Im Gefolge des II. Vatikanischen Konzils tagte 1968 in Medellin die lateinamerikanische Bischofskonferenz. Von dort kamen entscheidende Impulse für eine Option für die Armen (explizit 1979 in Puebla). Schon 1969 hieß es in einem US-Regierungsdokument: Wenn die lateinamerikanische Kirche die Vereinbarungen von Medellin verwirklicht, sind die Interessen der USA in Gefahr.

Inspiriert wurde die vorrangige Option für die Armen auch von der zur Zeit der Bischofsversammlung von Medellin entstandenen Befreiungstheologie. Ihr geht es um eine umfassende Befreiung des Menschen und sie begründete diese biblisch. Sie hat verschiedene Ausprägungen erfahren, darunter die Argentinische Schule einer Theologie des Volkes. Diese vertraten beispielsweise zwei Lehrer von Bergoglio, die Jesuitenpatres Gera und Tello.

Franziskus sieht die Kirche nicht als Selbstzweck, sondern als unmittelbaren Dienst am Menschen: Aus diesem Grund wünsche ich mir eine arme Kirche für die Armen. (EG 198.) Immer wieder betont er seine Sicht der Kirche als Feldlazarett und fordert sie auf, aus der Komfortzone herauszutreten.

Es gehört zu meinem persönlichen Leiden an der Kirche, dass sie nicht entschieden genug prophetisch gegen den Mammon, den Gott unserer Zeit, Stellung bezieht.

Jedoch Hoffnungsperspektive: die Selbstdemontage, die Implosion, die Selbstzerstörung des Systems

Franziskus konstatiert: Wie das Gute dazu neigt, sich auszubreiten, so neigt das Böse, dem man einwilligt, das heißt die Ungerechtigkeit, dazu, ihre schädigende Kraft auszudehnen und im Stillen die Grundlagen jedes politischen und sozialen Systems aus den Angeln zu heben, so gefestigt es auch erscheinen mag.

Die große Hoffnungsperspektive formuliert etwa Aristoteles in seiner Politik so: Das Böse zerstört sich selbst. Oder Nietzsche: Alles Große geht an sich selbst zugrunde.

Franziskus hat im Oktober 2014 die Sprecher von Sozialen Bewegungen aus aller Welt nach Rom eingeladen und ermutigt: Wir müssen die Würde des Menschen wieder ins Zentrum rücken und dann auf diesem Grund alternative gesellschaftliche Strukturen errichten, die wir brauchen. Das müssen wir mit Mut, aber auch mit Intelligenz betreiben. Hartnäckig, aber ohne Fanatismus. Leidenschaftlich, aber ohne Gewalt. – Und gemeinsam, die Konflikte im Blick, ohne uns in ihnen zu verfangen, immer darauf bedacht, die Spannungen zu lösen, um eine höhere Stufe von Einheit, Frieden und Gerechtigkeit zu erreichen. – Wir Christen haben etwa sehr Schönes, eine Handlungsanleitung, ein revolutionäres Programm könnte man sagen.[20]

Der Papst hat dabei die Forderung der sozialen Bewegungen nach einer Überwindung des Kapitalismus bestätigt und mit dem befreiungstheologische Kern der biblischen Botschaft verbunden.

Wie erfolgreich soziale Bewegungen schon waren, zeigen Beispiele: So konnte die Arbeiterbewegung die Sozialversicherung und Rente erkämpfen, die Frauenbewegung das Wahlrecht, die schwarze Bürgerrechtsbewegung die Gleichstellung, die südafrikanische Anti-Apartheit-Bewegung deren Ende, die Anti-Zwentendorfbewegung den Atomausstieg Österreichs u. v. a. m.

Eine Änderung der Lebensstile könnte dazu führen, einen heilsamen Druck auf diejenigen auszuüben, die politische, wirtschaftliche und soziale Macht besitzen. Das ist es, was Verbraucherbewegungen erreichen, die durch den Boykott gewisser Produkte auf das Verhalten der Unternehmen ändernd einwirken und sie zwingen, die Umweltbelastung und die Produktionsmuster zu überdenken. (LS 206.)

Eine andere Welt ist nicht nur möglich, es gibt sie schon immer. Darauf insistiert Papst Franziskus. Der Kapitalismus ist nicht das Ganze der Welt und der Wirklichkeit.

Es ist nicht alles verloren, denn die Menschen, die fähig sind, sich bis zum Äußersten herabzuwürdigen, können sich auch beherrschen, sich wieder für das Gute entscheiden und sich bessern, über alle geistigen und sozialen Konditionierungen hinweg, die sich ihnen aufdrängen. Sie sind fähig, sich ehrlich zu betrachten, ihren eigenen Überdruss aufzudecken und neue Wege zur wahren Freiheit einzuschlagen. (LS 205.)

Schließen möchte ich mit folgendem Zitat: Solange unser Wirtschafts- und Sozialsystem auch nur ein Opfer fordert und auch nur einen Menschen aussortiert, kann es kein Fest der universalen Geschwisterlichkeit geben.[21]  – Das wird es erst im Himmel geben!

6. Kernaussagen der katholischen Soziallehre

LEO XIII. RERUM NOVARUM / Über die Arbeiterfrage (1891)

Das Kapital ist in den Händen einer geringen Zahl angehäuft, während die große Menge verarmt … So konnten wenige übermäßig Reiche einer Masse von Besitzlosen ein nahezu sklavisches Joch auflegen.

PIUS XI. QUADRAGESIMO ANNO / Vierzig Jahre (1931)

Mit dieser Lage der Dinge fanden sich jene leicht genug ab, die selber im Reichtum schwimmend in ihr einfach das Ergebnis naturnotwendiger Wirtschaftsgesetze erblickten und folgerecht alle Sorge um eine Linderung der Elendszustände einzig der Nächstenliebe zuweisen wollten – gerade als ob es Sache der Nächstenliebe wäre, die von der Gesetzgebung nur allzu oft geschuldetem manchmal sogar gutgheißene Verletzung der Gerechtigkeit mit ihrem Mantel zuzudecken.

[Es herrscht] ein doppeltes Übel: hier ein übersteigerter Nationalismus und Imperialismus wirtschaftlicher Art, dort ein nicht minder verderblicher und verwerflicher finanzkapitalistischer Internationalismus oder Imperialismus des internationalen Finanzkapitals, das sich überall zu Hause fühlt, wo sich ein Beutefeld auftut.

JOHANNES II. LABOREM EXERCENS / Arbeit vor Kapital (1981)

Das Prinzip des Vorranges der Arbeit vor dem Kapital. Dieses Prinzip betrifft unmittelbar den Produktionsprozess, bei dem die Arbeit immer den ersten Platz als Wirkursache einnimmt, während das Kapital, das ja in der Gesamtheit der sachlichen Produktionsmittel besteht, bloß Instrument oder instrumentale Ursache ist.

JOHANNES PAUL II. SOLLICITUDO REI SOCIALIS / Die soziale Sorge (1987)

Auf jeden Fall muss man das Bestehen wirtschaftlicher, finanzieller und sozialer Mechanismen anprangern, die … die Situation des Reichtums der einen und der Armut der anderen verfestigen.

Strukturen der Sünde werden vor allem herbeigeführt durch auf der einen Seite die ausschließliche Gier nach Profit und auf der anderen Seite das Verlangen nach Macht mit dem Vorsatz, anderen den eigenen Willen aufzuzwingen … um jeden Preis.

FRANZISKUS LAUDATO SI‘ / Über die Sorge für das gemeinsame Haus (2015)

Wir kommen jedoch heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde.

Allerdings ist es nicht genug, dass jeder Einzelne sich bessert … auf soziale Probleme muss mit Netzen der Gemeinschaft reagiert werden, nicht mit der bloßen Summe individueller positiver Beiträge.

Eine schönere Rechtfertigung für die Arbeit von Attac kann ich mir nicht wünschen!

Quellen

[1]      Felber, Christian (2014): die Gemeinwohl-Ökonomie. Eine demokratische Alternative wächst, Deuticke, Wien, 86[8 Prozent laut Piketty: Felber 2018, 94f.].
[2]      Franziskus (2013): Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium, 53. (Abkürzung: EG). Zitiert nach: Die frohe Botschaft Jesu, Benno-Verlag, Leipzig.
[3]      Hinkelammert, Franz (2015): Der Vorrang des Menschen im Konflikt mit dem Fetischismus in: Segbers, Franz u. a. (Hrsg.) „Diese Wirtschaft tötet“. (Papst Franziskus). Kirchen gemeinsam gegen Kapitalismus, VSA; Hamburg, 67.
[4]      Bergoglio, Jorge Mario / Franziskus (2014 / 2007): Die wahre Macht ist der Dienst, Herder, Freiburg im Breisgau,  165
[5]      Erbacher, Jürgen (2018): Weiter denken. Franziskus als Papst und Politiker, Patmos, Osterfilden, 136 – 137.
[6]      Religion.ORFat/KAP, 11.5. 2019.
[7]      Franziskus (2015): Enzyklika „Laudato Si’“. Über die Sorge für das gemeinsame Haus, Herder, Freiburg im Breisgau, [zit. LS], Nr.179.
[8]      Ansprache beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, Bolivien, 9. Juli 2015, in: Papst Franziskus: Für eine Wirtschaft, die nicht tötet, Stuttgart 2015, 37.
[9]      Franziskus (2014), 250.

[10]     Besuch der Universität Roma Tre, 17. 2. 2017

[11]     Franziskus (2014): Ansprache vor den Teilnehmern am Welttreffen der sozialen Bewegungen, Rom, 28. 10. 2014 (zitiert nach ; online: www.itpol.de/?p=1491

[12]     Predigt in Lampedusa, 8. 7. 2013

[13]     Franziskus 2014, 249.

[14]     Franziskus (2014a): Interview mit Vanguardia/ Canal 4 vom 16. 9. 2014.

[15]     Evangelii Gaudium, 59.

[16]     Sozialpolitische Grundsatzrede …

[17]     Radiointerview, 14. 9. 2015

[18]     Bergoglio/Franziskus 2014 (2007), 139.
[19]     LS 158.

[20]     Franziskus 2014, 251.

[21]     Religion.ORFat/KAP, 11.5.2019.

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