Home » FRIEDENSPROJEKTE » FRIEDEN – Geschenk oder Aufgabe?

Hörz, Helga & Herbert: Frieden – Geschenk oder Aufgabe? Erfahrungen, Analysen, Aktionen. trafo Wissenschaftsverlag, Berlin  

Rezension von Peter Fleissner

(10. Dezember 2020) Derzeit kommen wir vor lauter Krisen kaum dazu, uns über die wesentlichen Voraussetzungen unserer menschlichen Existenz bewusst zu werden. Es scheint so, dass die jeweilige Krise alle anderen in den Hintergrund drängt. Hat noch vor wenigen Jahren die weltweite Finanzkrise die Schlagzeilen der Medien gefüllt, kam bald danach die Wirtschaftskrise, die sich in eine Staatsschuldenkrise verwandelt hat.

Die Migrationskrise, die von der Europäischen Union nicht bewältigt wurde, kam als nächstes und verschob in Mitteleuropa die politische Balance.

Die durch Greta Thunberg ins Bewusstsein gerufene Umweltkrise mobilisierte vor allem die Jungen und wurde auch von den Regierenden registriert. Neuerdings verdrängt Corona all diese Themen aus den Medien. Der erste Lockdown brachte zwar geringe  Neuansteckungszahlen, aber die Sommerpause wurde nicht dazu genützt, die Pandemie zu beenden. Ein zweiter Lockdown musste verhängt werden, um das neuerliche exponentielle Wachstum der Infektionszahlen, das in Österreich schon seit Juni in den Statistiken sichtbar geworden war, abzuschwächen. Alle diese Krisen dürfen uns aber nicht vom wichtigsten Ziel der Gestaltung unserer Welt ablenken.

Biographisches

Die Erhaltung des Friedens muss oberstes Gebot der Politik werden und bleiben. Darauf machen Helga und Herbert Hörz in ihrem neuen Buch aufmerksam. Hat Herbert schon 2010 in einem Vorgängerbuch die Frage gestellt, ob Kriege gesetzmäßig sind, und auf die Vermeidbarkeit von Kriegen hingewiesen, fasst das Buch die in mehr als acht Jahrzehnten gemachte Lebenserfahrung der beiden zusammen. Helga und Herbert trafen einander 1953 an der Humboldt-Universität in Berlin, wo beide Philosophie studierten. Helga stammt aus Danzig, wo sie – noch keine vier Jahre alt – als Kommunistenkind die Verhaftung ihres Vaters erleben musste. Er wurde später in Brandenburg inhaftiert und kam ins KZ Mauthausen, wo er durch die Hilfe von Mitgefangenen vor der Ermordung durch das Gas gerettet wurde. Schon als Neunjährige musste sie schockiert mithelfen, Kriegsopfer zu beerdigen und von Granaten zerfetzte Pferde zu begraben. Diese Erinnerungen prägten sich ein und sie schwor sich, „alles in ihren Kräften Stehende“ zu tun, „dass Menschen nie wieder in einem Krieg ihr Leben verlieren sollten.“ (15)

Der um zwei Jahre ältere Herbert, geboren 1933 in Stuttgart, ging später in Erfurt zur Schule. Dort erlebte er „eine Kolonne ärmlicher und hungriger Kriegsgefangener“, denen er heimlich Brote zusteckte. Ein Soldat verwarnte seine Mutter, aber da sie meinte, ihr Sohn hätte das aus eigenen Stücken getan, entschied er sich dafür „er hätte nichts gesehen.“ (16). In Erfurt erlebte Herbert schwere Bombenangriffe, die er im Luftschutzkeller überstand. Das Haus, in dem sie wohnten, wurde durch eine Luftmine beschädigt, die das Haus gegenüber völlig zerstört hatte. Er sah den Einmarsch amerikanischer Truppen, Plünderungen, den Schwarzmarkt, und dann den Einmarsch der Roten Armee. Der Vater, geflohen aus amerikanischer Gefangenschaft, kam nach Erfurt zurück und nahm seinen Dienst im Erfurter Hallenbad wieder auf. Die badenden Rotarmisten unterstützten die Familie mit Kernseife und Machorka.

Diese Erlebnisse als Kriegskinder legten den Grundstein für ihren lebenslangen Einsatz für den Frieden in unterschiedlichen Bereichen: Helga als Frauenrechtlerin und Ethikerin an der Humboldt-Universität und als langjährige und hochrangige Mitwirkende in Gremien und Konferenzen der Vereinten Nationen, Herbert als Wissenschaftsphilosoph und Wissenschaftshistoriker, später Leiter des Zentralinstituts für Philosophie an der Akademie der Wissenschaften der DDR, deren ordentliches Mitglied er 1977 wurde. Auf den jährlichen Tagungen von Wissenschaftsforschern Europas in Deutschlandsberg, die bis 1991 vom Grazer Philosophen und Wissenschaftstheoretiker Johann Götschl organisiert worden waren, hatte ich Gelegenheit, Helga und Herbert näher kennenzulernen. Die Tagungen dienten als Gesprächsforum auf neutralem Boden für PhilosophInnen aus Ost und West, vor allem aus der DDR und Westdeutschland. Seit dieser Zeit sind wir befreundet.

Aus Gesprächen mit den beiden und aus ihren zahlreichen Publikationen konnte ich immer wieder für mich neue und wichtige Einsichten gewinnen. Herbert hat nach der Wende mit KollegInnen und Kollegen aus dem früheren Wissenschaftsbereich der DDR die Leibniz-Sozietät gegründet, die seither durch ihre Mitglieder über Vorträge, Arbeitskreise und viele Publikationen in Deutschland und international tätig ist. Leider gewährt das vergrößerte Deutschland der Leibniz-Sozietät kaum finanzielle Unterstützung, während sich die in der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften zusammengefassten acht deutschen Wissenschaftsakademien einer erheblichen staatlichen Förderung erfreuen.

Friedenseinsätze in der DDR

Doch zurück zum Friedens-Buch. Um in Kürze die eigenen Positionen zur DDR und zum vereinigten Deutschland klarzumachen, bedienen sich die beiden FriedensaktivistInnen eines besonderen Stilmittels, indem sie ihre Korrespondenz mit der Historikerin Margarete Dörr aus Stuttgart veröffentlichten. Ihr – die nichts mit Marxismus am Hut hatte, aber dennoch die „Abwicklung“ der DDR-Eliten zur Wendezeit kritisierte – versuchten sie mit rationalen Argumenten klarzumachen, was ihnen am Sozialismus wichtig war. Einer der zentralen Punkte war die Friedensorientierung und der Antifaschismus, der alle Regierungen der DDR auszeichnete, was oft übersehen wird und umgekehrt vom Westen Deutschlands als NATO-Mitglied nicht behauptet werden kann.

Helga stellte immer wieder ihren Einsatz für den Frieden unter Beweis. Eine besondere Gelegenheit bot ihre Tätigkeit in UNO-Gremien, unter anderem als Vizepräsidentin der Zweiten UNO-Weltfrauenkonferenz 1980 in Kopenhagen. Sie arbeitete an wichtigen Dokumenten der Vereinten Nationen mit, etwa an der Konvention „Über die Beseitigung aller Formen der Diskriminierung der Frau“ (die bisher von 187 Mitgliedsstaaten ratifiziert wurde) und an der Deklaration „Für die stärkere Einbeziehung der Frau in den Friedenskampf“, die 1982 mit 130 Stimmen durch die UN-Vollversammlung angenommen wurde. Die USA und Israel stimmten dagegen, 23 Staaten, darunter die BRD, enthielten sich der Stimme. Helga berichtet über den steinigen Weg zur Verabschiedung der Deklaration: „Erstens legte man den Friedensbegriff unterschiedlich aus. Er wurde als Grundlage für die Verhinderung von Krieg und Gewalt im internationalen Maßstab interpretiert. Es fehlte jedoch die konstruktive Seite von Friedensverhandlungen. Zweitens gab es einen ständigen Kampf um die Betonung der Einheit von Friedenserhaltung, Menschenrechten und Souveränität von Staaten […]. Drittens verbargen sich hinter der Ablehnung dieser Forderungen starke ökonomische Interessen verschiedener Staaten. Dem hatten deren Staatsvertreterinnen zu entsprechen. Oft nahmen deshalb bei Kommissionssitzungen Botschafter den Staatenplatz ein, um eventuelle ’Fehlhaltungen‘ ihrer Vertreterinnen bei wichtigen Formulierungen zu vermeiden.“ (45)

Herbert beschreibt die Entstehung seiner Friedensorientierung bereits im protestantischen Konfirmationsunterricht. Er stellte dem Pfarrer für ihn brennende Fragen nach der Beteiligung der Kirche an Kriegen durch Aufrufe, Hasspredigten und spirituelle Unterstützung der Kämpfenden. Die meist unbefriedigenden Antworten, die er erhielt, halfen ihm, den Weg vom Christentum über den Pantheismus bis zum Atheismus zu gehen. Dennoch gilt sein Respekt „allen Humanisten unter den Christen.“ Er gipfelt in dem Ausspruch: „Ich gehe lieber mit einem religiösen Humanisten zusammen als mit einem antihumanen Atheisten.“ (50)

Herbert berichtet über eine Reihe von Friedensinitiativen im Zusammenhang mit der DDR, an denen er persönlich teilnahm. In Österreich weitgehend unbekannt geblieben – obwohl prominente Österreicher wie der Autor und Zukunftsforscher Robert Jungk, der Chemiker Engelbert Broda sowie die Schriftsteller und Lyriker Ernst Jandl und Erich Fried daran Teil nahmen – ist die „Berliner Begegnung zur Friedensförderung“ im Dezember 1981. Stephan Hermlin, einer der wichtigsten Schriftsteller der DDR, hatte die Initiative dazu ergriffen. Auch Christa Wolf, Jürgen Kuczynski und andere KünstlerInnen und SchriftstellerInnen beteiligten sich aktiv. „Berti“ Broda zeigte auf, dass Angst ein wichtiger Verstärkermechanismus für die Akzeptanz von Militäreinsätzen bis hin zur Verwendung von Atomwaffen ist. Dagegen setzte er auf Vertrauensbildung in zweierlei Hinsicht: Einerseits durch Rüstungsbegrenzung und Abrüstung, andererseits durch die Zusammenarbeit über unterschiedliche Weltanschauungen und Gesellschaftssysteme hinweg in den Bereichen der Entwicklungshilfe, der Energieversorgung, des Umweltschutzes, des Gesundheitswesens und der landwirtschaftlichen Produktion. Herbert Hörz sprach sich für die Ächtung von Kriegen und Massenvernichtungswaffen aus und gegen die These vom bewaffnetet Frieden, der immer gefährlicher als eine Null-Lösung wäre. Interessant war auch die Stellungnahme von Klaus Fuchs, der sich vom Waffenbauer zum Friedensaktivisten entwickelt hatte und die Sowjetunion aus Gewissensgründen über den Stand der Nuklearwaffentechnologie in den USA informiert hatte. Er betonte, dass Abschreckung nicht genüge, denn das sei ein „instabiler Frieden.“ (54)  

1983 wurde bei der Akademie der Wissenschaften der DDR das „Komitee für wissenschaftliche Fragen der Sicherung des Friedens und der Abrüstung“ gegründet, das sich auf die erhöhte Kriegsgefahr in der Welt bezog. In den USA wurde damals die strategische Verteidigungsinitiative SDI aufgebaut, die das Wettrüsten zwischen den militärischen Blöcken, der NATO und dem Warschauer Pakt, enorm verstärkte. In einer Tagung des Komitees warnten die Teilnehmerinnen vor einer Militarisierung des Weltraums, vor Bestrebungen, Interkontinentalraketen abzufangen und dadurch Erstschlagfähigkeit zu erreichen. SDI spielt in veränderter Form bis heute immer noch eine Rolle. Zwar gab es glücklicherweise bei der Implementierung von SDI technische Schwierigkeiten, die mit dem Ende des Kalten Krieges 1990 zu einer vorübergehenden Einstellung der Initiative führten. Aber von der Regierung Clinton wurde SDI unter neuem Namen als National Missile Defense (NMD) wieder aufgegriffen und unter Bush jr. fortgeführt. Präsident Trump hat im Sommer 2018 angekündigt, eine „Space Force“ zu schaffen, eine zusätzliche Teilstreitkraft neben Armee, Marine, Luftwaffe, Marineinfanterie und Küstenwache. Diese Entwicklung deutet darauf hin, dass die USA einer Auseinandersetzung mit China entgegensehen, die derzeit noch als Handelskrieg geführt wird, aber in Zukunft in eine militärische Konfrontation im Südchinesischen Meer münden könnte. In jüngster Zeit halten die USA gemeinsam mit ihren pazifischen Verbündeten Übungen ab, die ein direktes Aufeinandertreffen von Truppen zu Land, Luft oder Wasser simulieren sollen.

Herbert betont, dass sich die DDR auch an Konferenzen im Westen beteiligt hat. Er selbst war 1986 als einer der Vertreter der Akademie der Wissenschaften der DDR mit der Vorbereitung des großen Ersten Internationalen Kongresses der Wissenschaftler für den Frieden „Ways out of arms race“ beschäftigt, der in Hamburg stattfand und den mehr als 3700 TeilnehmerInnenn besuchten. Im Plenum sprachen u.a. Bruno Kreisky, Valentin Falin und Paul Parin. Es ging um die ökonomischen Aspekte des Wettrüstens, um die europäische Verteidigungsinitiative, den nuklearen Winter, um den Stopp von Atomtests usw. Bemerkenswert war an diesem Kongress, dass sich NaturwissenschaftlerInnen zu ihrer humanen Verantwortung für den Weltfrieden bekannten, dass unabhängig von politischen Überzeugungen nach Auswegen aus dem Wettrüsten gesucht und die ersten Vorschläge zur Rüstungskonversion ausgearbeitet wurden.

Antike Philosophie

Als PhilosophInnen können Helga und Herbert natürlich nicht an den Vordenkern für den Frieden außerhalb und innerhalb Europas vorbeigehen. Die Meinungen von  Gautama Buddha, Laotse und Konfuzius werden daher in ihrem Buch kurz dargestellt, ausführlicher gehen sie mit Heraklit, Platon und Aristoteles exemplarisch auf die griechische Philosophie ein. Bei den Denkern im Römischen Reich heben Helga und Herbert Marcus Tullius Cicero hervor, der als Politiker, Redner und Schriftsteller in Erscheinung trat. Er hat die griechische Gedankenwelt, vor allem die Lehre von der Stoa, an die Römer vermittelt. Wichtiger Bestandteil war dialektisches Denken, eine Tugend, die dafür sorge, „dass man dem Falschen nicht zustimme und durch eine trügerische Wahrscheinlichkeit sich nicht täuschen lasse.“ (87) Weisheit wäre nötig, um sich nicht selbst ins Unglück zu stürzen. Der Dichter und Philosoph Lukrez setzte zur Stoa mit dem Hedonismus einen Kontrapunkt. Durch die Überwindung von Furcht, Schmerz und Begierden könnten Lebenslust und Seelenruhe gewonnen werden, denen jedoch Kriege entgegenstünden. Die Schriften des Seneca waren ein Bestseller seiner Zeit. Er warnte vor der Sorglosigkeit vor Kriegen, da sie jederzeit ausbrechen könnten.

Religionen und Krieg

Die christlichen Kirchen in Europa und in den USA leisteten einen sichtbaren Beitrag zur öffentlichen Meinung. Dabei stellen sich einige schwerwiegende Fragen: Warum riefen Kirchen zum Krieg auf statt zu Versöhnung? Wieso betreiben sie Militärseelsorge statt gegen den Krieg zu mobilisieren? Wie rechtfertigen Kirchen den Krieg? Eine originelle Antwort fanden die beiden AutorInnen in der kirchenkritischen Zeitschrift „Der Theologe“:[1] In den letzten 200 Jahren konnte beobachtet werden, dass die Kirche immer dann, wenn sie am Boden lag, meist den Krieg predigte. Erst unter Papst Franziskus scheint sich in der katholischen Kirche eine Neuorientierung abzuzeichnen, wie der österreichische Historiker Gerhard Oberkofler ausführt: „Christentum bedeutet, das wurde über die Jahrhunderte hinweg von der Amtskirche vergessen und unterdrückt, revolutionäres Sein im umfassenden Sinne. Apostolische Rundschreiben, Predigten und Interviews von Papst Franziskus (*1936) geben Hoffnung, dass die Katholische Kirche sich dieses ihres Ursprungs wieder bewusster wird.“ (97) „Gegen die Lehrmeinung von Papst Franziskus erhoben sich heftige Widersprüche vorwiegend in den USA. Deren Präsidenten Barack Obama und Donald Trump haben gezielte Drohnenermordungen von mutmaßlichen ‚Terrororganisationen‘ […] ebenso etabliert wie die Legitimation von Folter und anderer Kriegsverbrechen.“ (98)

Hier ist eine kleine Ergänzung am Platz. Interessant scheint mir, dass die Auseinandersetzungen um die richtige Orientierung der Katholischen Kirche in den letzten Jahren an Heftigkeit zugenommen hat, ausgelöst durch den frischen Wind, den Papst Franziskus mitgebracht hat. Er, der das Elend in Lateinamerika hautnah erlebt hat, kann und will sich nicht mehr gegenüber den nötigen gesellschaftlichen Veränderungen abschotten. Allerdings formieren sich Gegner von Papst Franziskus innerhalb und außerhalb der Katholischen Kirche: In Österreich schreibt Hans Winkler regelmäßig in der Presse gegen den Papst an, hat ihm dort auch schon empfohlen, sich von US-Präsidentenberatern unterstützen zu lassen. Der evangelische Theologe Ulrich Körtner bezichtigt den Papst der Naivität und nennt ihn einen Träumer. Steve Bannon, ein früherer Berater von Donald Trump, gründete 2018 mit Kardinal Burke, einem wichtigen Kontrahenten des Papstes, in der 800 Jahre alten Kartause Trisulti, hundert Kilometer südöstlich von Rom, eine Kaderschmiede für die katholische Rechte und für Papstgegner. Er war von 2012 bis 2016 Leiter der als rechtspopulistisch bis rechtsradikal eingestuften US-Informationsplattform Breitbart News. Neuerdings wurde er wegen Veruntreuung von Spenden, die er für den Mauerbau nach Mexiko gesammelt hatte, verurteilt.

Die beiden AutorInnen gehen auch auf den Islam ein. Sie fassen seine Aussage zu Kriegen zusammen: „Kriege [sind] nur dann gerechtfertigt, wenn sie gegen Ungläubige geführt werden. Sollten diese ihre Gebote einhalten und kein Unheil anrichten, dann können auch sie in die Gärten der Wonne eingehen. Vor allem solle sich die große Gemeinschaft der Gläubigen generell nicht bekämpfen. Gäbe es eine in sich geschlossene und einheitliche Glaubensgemeinschaft, dann könnte ewiger Friede zwischen den Angehörigen sein. Kriege sind nur zu führen, wenn bestimmte Gründe sie rechtfertigen.[…] Doch sie sind nicht unausweichlich und schon gar nicht in der Natur der Menschen begründet.“ (111)
> siehe dazu auch „Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden“ von Martin Jäggle

Aufklärung und Neuzeit

Zur Verdeutlichung der Argumente für oder gegen Kriege trafen die beiden PhilosophInnen eine Auswahl aus den bekannten DenkerInnen seit der Reformationszeit. Nach den „Türkenkriegen“ des Osmanischen Reichs, das sich an Stelle von Ostrom etabliert hatte, gab es ab dem 17. Jahrhundert wiederholt militärische Konflikte zwischen den Staaten Europas. Zur Zeit der Reformation wurde die Kriegsfrage neu formuliert. Erasmus von Rotterdam, Theophrastus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, und Sebastian Franck brachten den Friedenswillen der Zeit nach den vielen externen und internen Kriegen (Bauernkriege) zum Ausdruck. Bis zur Französischen Revolution traten mit der Renaissance und ihrer Wiederentdeckung des Humanismus neue Vorstellungen von Krieg und Frieden in Erscheinung. Johann Amos Comenius trat für einen umfassenden Weltfrieden ein, Thomas Hobbes sagte: „Denn die Wurzel aller Nachteile und alles Unglücks, die durch menschliche Erfindungen vermieden werden können, ist der Krieg“ (121) Er meinte, ein Gesellschaftsvertrag könne Abhilfe schaffen. Der Naturzustand, in dem allen alles gehört und der Krieg aller gegen alle geführt wird, würde dadurch beendet und Kriege könnten unnötig werden. Der französische Aufklärer Voltaire lehnt den Krieg ab: „Da das größte aller physischen Übel der Tod ist, so ist jedenfalls das größte moralische Übel der Krieg.“ (132) Aber nicht alle Denker waren einer Auffassung. Leonhard Euler, Mathematiker und Philosoph, wandte sich gegen die Auffassung der prästabilisierten Harmonie und die Monadenlehre von Leibniz und Christian Wolff, denen er vorwarf, dass sie auf die Freiheit vergessen hätten. Er  attackierte die Monadenlehre mit physikalischen Argumenten, dass „ein Körper, der einmal in Ruhe ist, […] immer in Ruhe [bleibt PF], wenn er nicht durch eine außer ihm befindliche Ursache in Bewegung gesetzt wird.“ Sollte der Satz von der Ruhe der Körper richtig sein, könnten sich Monaden nicht aus sich selbst bewegen oder verändern. Er meinte, es stehe den Menschen frei, so zu handeln wie sie es für richtig hielten. Ebenso wären Kriege eine freie Entscheidung von Menschen, und daher wären sie nicht notwendig oder gesetzmäßig. (140)

Der Genfer Philosoph und Pädagoge Jean-Jacques Rousseau äußerte sich mit Abscheu über die etablierte Gesellschaft und Kultur, welche böse und eitle Menschen hervorbringe. Im Unterschied zum Naturzustand von Hobbes fand er, dass die Menschen in der Vorzeit im Einklang mit der Natur gelebt hätten. Erst in der Gesellschaft hassen, lügen und morden die Menschen. So wandte er sich auch gegen Religionskriege: „Der Gott des einen Volkes hatte kein Recht über die anderen Völker.“ (143) Das Evangelium stifte keine Nationalregierung, weshalb ein heiliger Krieg eine Unmöglichkeit sei. Der Vertrag mit der Gesellschaft müsse so orientiert sein, dass er dem Wohl der Menschen dient. Es gäbe kein Recht des Stärkeren, das ihm erlaube, über den Schwächeren zu herrschen.

In der klassischen deutschen Philosophie äußerte sich vor allem Kant explizit „Zum ewigen Frieden“. Ihm ging es darum, dass die Entscheidung für Krieg nicht von den Herrschern, sondern vom Volk entschieden werden müsse, denn das Volk müsse ja auch den Blutzoll tragen und die Äcker der Bauern würden durch Feldzüge verwüstet werden, während die Mächtigen nach wie vor Feste feierten. Aber die Demokratie ist- so meine ich – in Gefahr, auch ohne Fürsten und auf demokratische Art und Weise falsche Entscheidungen für einen Krieg zu fällen. Da heute die Emotionen der BürgerInnen und ihr Verständnis der politischen Lage vorwiegend von den Medien gesteuert werden, konnten diese z.B. zu Beginn des ersten Weltkriegs in Deutschland eine derartige Kriegslust erzeugen, dass sogar die Sozialdemokraten begeistert in den Krieg zogen. Die Ernüchterung begann erst, als die ersten Toten in Särgen in die Heimat zurückkehrten und der Hunger allgemein spürbar wurde.

Johann Gottfried Herder hatte noch die Hoffnung, dass sich der Krieg selbst überlebt hat, wenn er überall Sicherheit geschaffen hat. Aber die heutige Zeit lehrt uns, dass neue Waffensysteme immer wieder diese Sicherheit unterminieren. Nur eine machtvolle Friedensbewegung kann diese Fehlentwicklung aufhalten. (154-155)

Nach Passagen über die Einstellungen der Philosophen Fichte, Hegel und Schelling gehen die beiden AutorInnen auf aktuelle Debatten zu Krieg und Frieden ein. Dazu beantworten sie die folgenden Fragen: Was sind Kriege? Welche Kriegsursachen gibt es? Gibt es gerechte Kriege? Ist ein dauerhafter Friede möglich?

Was sind Kriege?

Nach Hörz sind Kriege Konfliktlösungen mit Waffengewalt zwischen Staaten, soziokulturellen Einheiten und gleichgesinnten großen Menschengruppen. Sie sind historische Erscheinungen, die aus den Interessen bestimmter sozialer Klassen geführt, aber auch verhindert werden können. Der klassische Krieg wurde erklärt und durch einen Vertrag beendet. Heute gibt es m. E. auch unerklärte bzw. asymmetrische Kriege, die von den Parteien jeweils mit unterschiedlichen Formen und Technologien geführt werden (9/11, Drohneneinsatz). Die Medien sind für die Führung von Kriegen wichtig, da sie eine Kriegsbereitschaft in der Bevölkerung hervorrufen sollen. „Die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen lassen in einem globalen Krieg keine Sieger mehr zu. Kriegsverlierer wäre die Menschheit insgesamt.“ (171)

Kriegsursachen

Die jüngsten Kriege werden oft mit humanen Zielen gerechtfertigt. Waren es im vorigen Jahrhundert Demokratie und Freiheit, die verteidigt werden mussten, sollen nun vor allem der Terrorismus bekämpft und die Menschenrechte im besiegten Land eingeführt werden. Dazu wird auch vor Lügen nicht zurückgeschreckt, wie z.B. über angeblich vorhandene Chemiewaffen im Irak. Daneben dienen manche moderne Kriege zur Erprobung neuer Waffensysteme (z.B. im Libanonkrieg 2006). Wenn schon ein Krieg geführt wird, müsse man auf die Verhältnismäßigkeit des Einsatzes von Gewalt achten, wie sie bereits im Alten Testament gefordert wurde („Auge um Auge, Zahn um Zahn“). (175)

Gerechte Kriege?

Ein historisches Beispiel für einen zumindest gerechtfertigten Krieg ist der Große Vaterländische Krieg, den die Sowjetunion gegen die deutschen Okkupanten führte. Mit der Existenz der Atombombe wird die Forderung nach einem gerechten Krieg absurd, denn die für gerechte Kriege zentrale Eigenschaft ist die Verhältnismäßigkeit des Gewalteinsatzes. Edward Teller, der als Vater der Wasserstoffbombe gilt, argumentierte nach dem erfolgreichen Test der H-Bombe gegenüber dem Physiker und Friedensaktivisten Hans-Peter Dürr: „Wir haben heute eine einmalige Chance, den Frieden auf Erden zu schaffen. Wenn der Beste der militärisch Stärkste ist und die Fähigkeit behält, auch in Zukunft der Stärkste zu bleiben, also etwa doppelt so stark wie die übrige Welt zu sein, dann können wir den Frieden für alle Zeiten sichern.“ Dürr erwiderte, dass ihm diese Argumente aus Nazi-Deutschland bekannt wären und meinte: „Hat es je einen Stärkeren gegeben, der sich nicht für den Besten hielt?“ (181)

Frauen gegen den Krieg

Diesen Abschnitt im Buch der beiden AutorInnen habe ich mit besonderem Gewinn gelesen, da er mir den unermüdlichen Einsatz von Pazifistinnen vor Augen führte, die in der österreichischen Öffentlichkeit ziemlich unbekannt geblieben sind. Jede und Jeder kennt natürlich hierzulande die Österreicherin Bertha von Suttner, die mit Ihrem Buch „Die Waffen nieder“ ihre Stimme für den Frieden erhoben und die Einrichtung des Nobelpreises 1905 initiiert hat, den sie selbst 1906 erhielt. Ihr Portrait fand sich auf der 100-Schilling Note von 1970 und heute noch auf der österreichischen 2-Euro-Münze. Auch Clara Zetkin ist politisch Versierteren ein Begriff. Als Beteiligte am Internationalen Arbeiterkongress von 1889 in Paris gehörte sie zu den Gründern der Zweiten Internationale der sozialistischen Arbeiterbewegung und gilt als prägende Initiatorin des Internationalen Frauentags.  Weniger bekannt sind die Pazifistinnen Anita Augspurg (1857-1943) und Lida G. Heymann (1868-1943). Sie engagierten sich erfolgreich für das Frauenwahlrecht und kämpften für den Einzug von Frauen in die Parlamente. Augspurg sah die Verknüpfung ihrer Ziele mit dem Frieden ganz klar: „Friedensbewegung und Frauenstimmrecht – das eine Voraussetzung des Zieles der anderen! […] Erst wenn Frauen in den Parlamenten sitzen, werden die Summen gestrichen werden, welche die Bewaffnung der Völker unfruchtbar verschlingt.“ (207) Gemeinsam mit Heymann organisierte sie in München 1912 die erste Frauendemonstration gegen Kriege – allerdings ohne Erfolg. Noch nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs richteten sie 1915 in Den Haag den „Dritten Friedenskongress von Frauen der Welt“ aus,  an dem mehr als 1000 Frauen teilnahmen. Höhepunkt des Kongresses war die Gründung des „Internationalen Ausschusses für dauernden Frieden“, der 1919 in „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit“ (IFFF) umbenannt wurde. Dieses Gremium existiert bis heute und hat bei den Vereinten Nationen einen Beraterstatus. Darüber hinaus wurden in zahlreichen Staaten nationale Komitees gebildet.[2] Die beiden Frauen ergriffen später eindeutig Partei gegen Hitler und die faschistische Ideologie. Das brachte sie in große Gefahr und zwang sie zur Emigration. (210)

Frauen im Widerstand gegen Krieg und Faschismus

„Zunächst waren es meist politisch organisierte Frauen aus der Arbeiterbewegung, die sich gegen die Naziherrschaft wehrten, insbesondere Kommunistinnen und Sozialdemokratinnen. Aber auch Christinnen und humanistisch gesinnte Menschen aus allen Gesellschaftsschichten gehörten dazu.“ (215) Liselotte „Lilo“ Hermann starb 1938 durch das Fallbeil. Sie stammte aus bürgerlichem Haus, organisierte sie sich bald im Sozialistischen Schülerbund, im Kommunistischen Jugendverband und dann in der KPD, für die sie danach als Kurierin arbeitete. Sie war die erste Frau in Europa, die in Friedenszeiten wegen eines politischen Delikts zum Tode verurteil worden war. Dieses Urteil löste in Deutschland und im Ausland eine riesige Protestwelle aus.

Doris Maase studierte 1929 in Berlin Medizin. Wegen ihrer Mitgliedschaft in der „Roten Studentengruppe“ musste sie ihr Studium in Berlin einstellen, promovierte aber 1934 in Basel. Gemeinsam mit ihrem Mann und anderen gründete sie später in Düsseldorf eine Widerstandsgruppe mit dem Ziel, die Bevölkerung über den wahren Charakter der Naziherrschaft aufzuklären. 1935 wurden sie und ihr Mann unter dem Verdacht des „Hoch- und Landesverrats“ festgenommen und zu je drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Ihr Mann wurde danach ins KZ Buchenwald, sie ins KZ Ravensbrück verbracht, wo sie weiterhin Widerstand leistete. Nach dem Verbot der KPD 1956 kandidierte sie als Parteilose und erhielt eine Strafe auf Bewährung. Fünf Jahre lang wurden ihr das aktive und passive Wahlrecht aberkannt.

Mira von Kühlmann, eine westdeutsche Friedensaktivistin, war wegen ihrer positiven Haltung zur DDR vielen Anfeindungen in der BRD ausgesetzt. Florence Hervé trat nach dem Zweiten Weltkrieg als Publizistin an, die Verbrechen der faschistischen Diktatur Nazideutschlands wieder ins Gedächtnis der Öffentlichkeit zu bringen. Alice Herz, in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren, lehnte Kriege generell ab und flüchtete mit ihrer Tochter in die Schweiz. Dort publizierte sie zu Religion und Sozialismus. Später gingen die beiden in die USA. Alice schloss sich den Quäkern und der unitarischen Kirche an, engagierte sich gegen Antikommunismus und Verschwörungstheorien der McCarthy-Ära und solidarisierte sich mit dem Kuba Fidel Castros. Entschlossen, aber erfolglos trat sie gegen den Vietnamkrieg auf. Sie wollte ein Protestsignal gegen den Krieg setzen und verbrannte sich am 18. März 1965 selbst auf dem Campus der Detroiter Wayne State Universität.

Fuchs, der Atomspion

Ein eigener Abschnitt ist dem Werdegang von Klaus Fuchs gewidmet, der in Österreich unter dem Beinamen „Atomspion“ bekannt wurde. Er wirkte in Los Alamos an der Entwicklung der ersten Atombombe mit. Geboren 1911 in Rüsselsheim als Sohn des sozialdemokratischen lutherischen Theologen Emil Fuchs, der sich für die Zusammenarbeit von Christentum und  Sozialisten in der späteren DDR einsetzte, engagierte er sich in Eisenach schon früh für Demokratie und Republik und wurde SPD-Mitglied. Als ihm die Verhaftung durch die Nazis drohte, floh er nach Paris und ging dann auf Vermittlung seines Cousins nach Edinburgh und Bristol. In Edinburgh dissertierte er bei Max Born. Seine kernphysikalischen Arbeiten setzte er ab Mai 1941–1943 im Rahmen des britischen militärischen Atomprogramms an der Universität Birmingham fort. Im August 1942 wurde er britischer Staatsangehöriger und übersiedelte 1943 für Arbeiten zur Uran-Isotopentrennung und Fragen der Implosionstechnik nach New York und schließlich nach Los Alamos. Er war maßgeblich an der Entwicklung der Plutoniumbombe Fat Man beteiligt. Bis zu seiner Enttarnung 1950 berichtete er der Sowjetunion über die Atombombenprojekte in Großbritannien und den USA. Er wurde wegen Spionage für die Sowjetunion nicht nur zu 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, sondern verlor auch seine britische Staatsangehörigkeit. 1959 begnadigt, übersiedelte er unter großem Medienecho in die DDR, wo er bis zu seinem Tod 1988 als Physiker die wissenschaftliche Forschung der DDR mitbestimmte und viele Gespräche mit Helga und Herbert Hörz führen konnte.

Seine Entscheidung, die Geheimnisse der Herstellung von Atomwaffen an die Sowjetunion weiterzugeben, beruhte auf der Überzeugung, dass ein Gleichstand der Waffentechnik eine bessere Grundlage für den Frieden wäre, und dass die Sowjetunion und die USA als Partner im Kampf gegen den Faschismus keine technischen Geheimnisse voreinander haben sollten.

Weitere Aktivitäten der Friedensbewegung

Der Weltkongress der Friedensanhänger in Paris 1949 wurde von namhaften Persönlichkeiten aus Ost und West wie z.B. Louis Aragon, Pablo Neruda, Anna Seghers und Pablo Picasso, der dafür die Friedenstaube schuf, unterstützt. Er ebnete den Weg für die Gründung des Weltfriedensrates 1950. Dieser begann auf der Grundlage des „Stockholmer Appells“ eine weltweite Unterschriftensammlung für das absolute Verbot von Atomwaffen. Im selben Jahr wurde übrigens die NATO gegründet. Der Weltfriedensrat erhielt Beobachterstatus bei der UNO und hatte seinen ersten Hauptsitz in Paris. Er wurde jedoch schon kurz darauf von der französischen Regierung beschuldigt, kommunistisch zu sein, und des Landes verwiesen. Danach war sein Sitz in Prag und von 1954 bis 1957 in Wien. 1968 wurde ein neues Hauptquartier in Helsinki eröffnet. 1989 wurde der Weltfriedensrat unter dem Namen „Institute for Peace“ vom früheren Außenminister Erwin Lanc neu aufgestellt und kehrte so modifiziert nach Wien zurück. Der Friedensrat gilt als Beispiel, wie wichtig ein weltweites Bündnis von Friedenskräften sein kann, trotz gegnerischer Aktivitäten, die dieses Bündnis verhindern wollen. Helga und Herbert berichten ausführlich über die unterschiedlichsten Initiativen, die von den Friedensaktivisten ausgegangen sind.

ICAN – International Campaign to Abolish Nuclear Wepons

Heute ist das Verbot von Atomwaffen wieder aktuell geworden. 2007 wurde ICAN, eine Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, bei der Konferenz des Atomwaffensperrvertrags in Wien von der IPPNW – Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges und anderen Organisationen ins Leben gerufen und in zwölf Ländern gestartet. 2011 hatte die Kampagne 200 Mitgliedsorganisationen in 60 Ländern, 2017 schon 468 Organisationen in 101 Ländern. Auch Österreich hat 2017 unterschrieben und 2018 haben National- und Bundesrat einstimmig den Vertrag verabschiedet. Damit der Vertrag in Kraft treten kann, müssen mindesten fünfzig Staaten unterschreiben. Am 24. Oktober 2020 hat Honduras als 50. Staat den UN-Vertrag zum Verbot von Atomwaffen ratifiziert. Der Vertrag wird am 22. Jänner 2021 in Kraft treten und ist dann für die Unterzeichnerstaaten bindend. Allerdings haben die bisher bekannten Atommächte sowie die meisten NATO-Staaten nicht an den Verhandlungen teilgenommen. Auch Deutschland als Mitglied der nuklearen Teilhabe nahm nicht an den Verhandlungen teil.

Fazit

In den letzten Kapiteln ihres Werkes untersuchen Helga und Herbert in weiterem Sinn ihre Kernfrage, ob Kriege vermeidbar sind. Anhand einer Analyse von Demokratien weisen sie auch auf die dunkle Seite der westlichen Demokratien hin, die im Kern auf der Diktatur des Kapitals aufbaut. Das öffentliche Infragestellen dieser Gesellschaftsordnung sei heute beinahe unmöglich geworden. Die Globalisierung führe einerseits zu regionalen Zusammenschlüssen (EU, ASEAN-Staaten), andererseits existieren periphere Tendenzen (Brexit). In diesem Rahmen wäre die Rolle nationaler Parlamente neu zu überdenken. Die Tendenz zur Expertokratie müsse durch die deliberative Demokratie gebremst werden, die auch das Parlament in Entscheidungen einbindet. Die soziale Differenzierung mit dem Auseinanderdriften von Arm und Reich, mit hoher Arbeitslosigkeit wäre besonders in Corona-Zeiten mit staatlichen Maßnahmen einzuschränken. Gleichberechtigung der Geschlechter, Multikulturalität, Lösungen für AsylwerberInnen und MigrantInnen seien gefordert. Das Wahlrecht müsse diesen neuen Bedingungen Rechnung tragen. Die neuen Kommunikationsformen könnten die Demokratisierung und Verbreitung des Wissens fördern, würden aber eher zur Überwachung der Bürger eingesetzt. Die Verantwortung der Wissenschaft könne nicht hoch genug veranschlagt werden. Demokratische Formen der Technikgestaltung sollten bestehende demokratische Mechanismen ergänzen. Die Brandherde der Gegenwart wären zu entschärfen und nicht durch weiteres Hochrüsten zu aktivieren.

Das Buch schließt mit der berühmten Frage: Was tun? Und gibt folgende Antwort, die ich als Zitat gekürzt anfüge:

Erstens: Kriegstreiber sind mit ihren Interessen und Bannerworten zu entlarven.[…]

Zweitens: Mit der eigenen Entscheidung, sich für den Frieden einzusetzen, stärkt man die Friedenskräfte. Rüstungskonversion ist ein Gebot der Stunde. Waffenarsenale müssen reduziert werden. […]

Drittens: Alternativen zum Führen von Kriegen sind mit der friedlichen Konfliktbewältigung zu entwickeln. Dies ist besonders beim Kampf um Ressourcen wichtig. […]

Viertens: Es geht um ‚einen erfüllten Frieden voll Lebendigkeit, Liebe, Freude, Lust, mit Farbe, Unterschiedlichkeit und ihren Spannungen, Herausforderungen, auch Unstimmigkeiten und ihrem Streit […] Es ist nicht der lasche, statische Frieden, nicht der Frieden des Friedhofs, den wir uns wünschen und den das Leben für seine Erfüllung braucht.‘ Ein erfülltes Leben ist nur im Frieden möglich. Deshalb ist alles zu tun, um Kriege zu verhindern.“ (463-464)

[1] Über uns | Der Theologe (wordpress.com)

[2] Internationaler Frauenfriedenskongress – Wikipedia