GEWALTFREIHEIT

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… ohnehin nicht möglich …

Die Antwort „das ist ohnehin nicht möglich“ erhalten wir wohl am häufigsten, wenn wir über Gewaltfreiheit diskutieren. Und dann folgt gleich das Lächerlichmachen des bekannten Bibelzitats „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“ (Matthäus 5,39), gefolgt von der provokanten Frage „Das machst du doch nicht wirklich, oder?“. Was soll man da antworten, um glaubwürdig zu bleiben?

Gewaltfreiheit hat bereits eine lange Geschichte und wir sind noch immer nicht am Ziel. In unserer Kultur sind wohl die bekanntesten Friedensstifter Jesus, Gandhi und in jüngerer Zeit Hildegard Goss-Mayr, Gerald Mader oder John Lennon. Der Beatle erreichte mit seiner provokativen „Love and Peace Aktion“ im Bett mit Joko Ono und seinem „make love not war“ eine weltweite Diskussion zum Thema Frieden, Gewaltfreiheit und Krieg. Das war 1969 vor 50 Jahren!

Im akademischen Kontext wird in Österreich und international zum Thema Gewalt, Gewaltfreihet, Konfliktvermeidung und ähnlichem in verschiedenen Wissensdisziplinen geforscht. Erstmals wird 2020 von Claudia Brunner zum Thema „Epistemische Gewalt“ ein systematisches Konzept vorgelegt, das an der Schnittstelle von politischer Theorie, Friedensforschung und Wissenssoziologie unter Einbeziehung geistes- und kulturwissenschaftlicher Traditionen post- und dekolonialer Traditionen entstanden ist. > mehr zur epistemischen Gewalt

Gewaltfreie Erziehung

In den 1970er Jahren gab es in breiten Bevölkerungsschichten großen Widerstand gegen die ersten „praktischen Versuche“ mit der sogenannten antiautoritären Kindererziehung. Aufgeklärte Menschen in Europa und Nordamerika wurden von den Ideen A.S. Neil’s und der Summerhill School begeistert. Neil versuchte bereits in den 1920 Jahren seine Prinzipen der antiautoritären Erziehung in die Tat umzusetzen. Ebenfalls bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts schuf Rudolf Steiner seine Lehre der Anthroposophie, auf deren Grundlagen er wesentliche Anregungen für verschiedene Lebensbereiche gab, u.a. für die Waldorfpädagogik, die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Kunst (Eurythmie, anthroposophische Architektur) sowie für die anthroposophische Medizin. Aber diese Erkenntnisse waren in den 1970er Jahren noch lange nicht im sogenannten Mainstream angekommen und viele Menschen begegnen diesen Lehren noch heute mit Skepsis und Widerstand oder diffamieren sie.

Ein weiteres friedensstiftendes Element, neben der gewaltfreien Erziehung, ist die gewaltfreie Kommunikation. Die Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation (GFK – engl. Nonviolent Communication NVC), entwickelte der Psychologe Marshall B. Rosenberg. Seine Ideen basierten u.a. auf Gandhis Erfahrungen der Gewaltlosigkeit und auf der klientenzentrierten Gesprächstherapie von Carl Rogers. Rosenberg sagte allerdings, dass sein Konzept der GFK nichts Neues beinhalte, „alles, was in die GFK integriert wurde, ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Es geht also darum, uns an etwas zu erinnern, das wir bereits kennen – nämlich daran, wie unsere zwischenmenschliche Kommunikation ursprünglich gedacht war.“ Rosenbergs Konzept wird heute in Familien, Schulen, in Therapie, Psychotherapie und Beratung sowie von Organisationen und Firmen und bei diplomatischen und geschäftlichen Verhandlungen angewandt.

Rosenbergs Ziele sind:

  • Auflösung unserer alten Muster von Verteidigung, Rückzug und Angriff;
  • Reduzierung von Widerstand, Abwehr und gewalttätigen Reaktionen;
  • Förderung der Wertschätzung, Aufmerksamkeit und Einfühlung und des Wunsches, von Herzen zu geben;
  • Lenkung der Aufmerksamkeit in eine Richtung, in der die Wahrscheinlichkeit steigt, das zu bekommen, wonach wir suchen;
  • Entdeckung des Potenzials unseres Einfühlungsvermögens durch die Klärung von Beobachtung, Gefühl und Bedürfnis – statt Diagnose und Verurteilungen.

(zitiert aus „Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens. Junfermann, 8. veränd. Auflage, Paderborn 2009, Seite 18).

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Bild: Gandhi bei einer Rede im Jahr 1931, © James A. Mills / AP / picturedesk.com

Die Kraft der Gewaltlosigkeit ist feiner und wunderbarer …

„Je mehr ich mit diesem Gesetz wirke, umso mehr empfinde ich Wonne im Leben und im Entwurf des Universums.“

»Ohne Gewaltlosigkeit kann man Wahrheit weder suchen noch finden. Beide hängen so eng zusammen, dass sie nicht zu trennen sind. Sie sind wie die zwei Seiten einer Münze, nein, einer ungeprägten Metallscheibe. Man könnte nicht sagen, welches die Vorder-, welches die Rückseite ist. Gleichwohl ist Gewaltlosigkeit nur das Mittel, die Wahrheit das Ziel.“

Diese Zitate von Mohandas Karamchand Gandhi wurden der GEA-Publikation „brennstoff“ entnommen.
Mehr davon > Gandhi-Textauswahl in „brennstoff“
> Reader vom Linzer Gandhi-Symposium (Sept. 2019, 80 Seiten, pdf 2,5 MB)

> Studie von Erica Chenowech: Gewaltfreie Konflikte sind beinahe doppelt so erfolgreich wie bewaffnete

Links zu Institutionen, die Trainings für Gewaltfreie Kommunikation anbieten:

Gewaltfreiheit und der Internationale Versöhnungsbund

Der Internationale Versöhnungsbund hat ein Programm erstellt, dessen Ziel es ist „eine Änderung des öffentlichen Diskurses zu erwirken, der Gewalt als unverzichtbares Mittel zur Lösung von Konflikten darstellt und das Aufzeigen der vielfältigen Möglichkeiten der Gewaltfreiheit.“ Der Versöhungsbund betont insbesondere, dass Frieden nur gemeinsam mit anderen und nicht gegen andere erreicht werden kann. Besonderes Augenmerk legt der Verein, der 2019 bereits seinen 100jährigen Bestand feierte, darauf, welchen Beitrag Religionen einerseits zur Rechtfertigung von Krieg und Gewalt, aber andererseits vor allem aber zu einem friedlichen Miteinander der Menschen leisten, auf die Offenlegung verschwiegener Kriegsursachen und die persönliche, gesellschaftliche und politische Mitverantwortung für Gewalt und Krieg.

> siehe auch RELIGION & FRIEDE in dieser Website

Gewaltlosigkeit

In der Website FRIEDEN FRAGEN heißt es u.a.: Gewaltlosigkeit oder Gewaltfreiheit bedeutet, dass man Gewalt in jeder Form ablehnt und nicht dazu nutzt, Konflikte oder Probleme zu lösen. Dabei kann es lange dauern, für Konflikte eine gemeinsame, gewaltfreie Lösung zu finden, die für alle Beteiligten gut ist. Man muss besonders mutig und ausdauernd sein. Deshalb sagte Mahatma Gandhi, der sich in Indien für den Frieden einsetzte:

„Gewalt ist die Waffe des Schwachen; Gewaltlosigkeit die des Starken“.

Eine Methode der Gewaltfreiheit ist der gewaltfreie Widerstand. Mit gewaltfreiem Widerstand kann man sich gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung einsetzen.
> zum kompletten Artikel auf Frieden Fragen

Internationaler Tag der Gewaltlosigkeit ist der 2. Oktober, der Geburtstag Gandhis
> mehr dazu

Jesper Juul: Respekt vor Kindern

Für den dänischen Familientherapeuten Jesper Juul (1948 – 2019) sind Fürsorge, Respekt und Authentizität die Grundpfeiler einer guten Erziehung.  In seinem 1996 erschienen Buch „Dein kompetentes Kind“ betonte er, dass die Verantwortung für das Wohlergehen der Familie alleine bei den Eltern liegt. Dabei fuße eine gute Führung auf einem hohen Maß an Selbstwertgefühl, Selbstachtung und der Fähigkeit, die eigenen Werte und Bedürfnisse ernst zu nehmen. Seine Erziehungsprinzipien muten heute – für sehr viele Menschen – wie eine Selbstverständlichkeit an. Er formulierte unzählige „Leitsätze“, die das Vertrauen der Eltern in ihre Kinder stärken, hier nur einer: „You have to trust children to do their best, but that doesn’t mean that they always do what YOU think they should do.”

> Nachruf auf Jesper Juul von Manuela Tomic in „Die Furche“
> Website Jesper Juul

Neue Wege in der Schule – neue Pädagogik

Endlos könnte über die „Reformpädagogik“, „Alternativschulen“ u.v.m. geschrieben werden. Oft gehen neue Wege in der Erziehung mit Gewaltlosigkeit einher.

In Österreich wurden große Schritte in Richtung einer neuen Pädagogik unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg gemacht. U.a. gibt das Niederösterreichische Schulmuseum in Michelstetten hier Einblick in den Alltag der Schule vor 100 Jahren und in ihre Veränderung, vor allem durch den Reformpädagogen Otto Glöckl. > Schule Michelstetten

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